Night - Free Template by www.temblo.com
Kritik an Spiegel

Wer den Artikel der neuesten Spiegel-Ausgabe gelesen hat und sich, wie ich, als Einwohner Second Lifes sieht, wird viel zu schmunzeln gehabt haben. Nach einer fast dreiseitigen Einleitung, was Second Life denn nun ist, wird der Leser auf den restlichen neun Seiten mit den Nachteilen und Eigenheiten diese Spiels geradezu bombardiert. Wie bereits angedacht sind die üblichen Klischees in aller Länge beschrieben, und die Reporter, die sich in unsere Welt gestürzt haben, scheinen nicht wirklich glücklich geworden zu sein. Für die unter uns, die den Spiegel öfters lesen, ist klar, dass es sich hier um eine normalerweise gut recherchierte Reportagenzeitschrift handelt, doch diesmal wird man geradezu mit negativen einseitigen Eindrücken erschlagen.

Rebecca Casati, die sich mit ihrem Alter Ego Spencer Beaumont eingeloggt hat, versucht uns auf ihre Weise klar zu machen, dass wir anscheinend nichts anderes die ganze Zeit zu tun haben, als uns irgendwelchen Escort-Clubs anzuschließen und um jeden Preis aufzufallen - sei es nun durch ungewohnte Kleidung oder Gebärden, die wir in der wirklichen Welt nicht so oft zu sehen bekommen. Nun, die Frage ist, hat sie in der Zeit von circa eineinhalb Wochen nur die falschen Plätze besucht, oder wollte sie gar nicht weiter in die Materie eintauchen? Es ist wahr, dass „erotische“ Aspekte in unserer Welt noch sehr stark vertreten sind, doch hat unsere Welt auch sehr viel mehr zu bieten.

Ich spreche hier von Open Microphone Nights oder Music & Art Acts in Diskotheken, Foren, in denen die Literatur von Second Life an sich besprochen wird, oder einfach nur Gespräche über das Für und Wider als eigenständige Gesellschaft. Gibt man heutzutage das Wort „T-Shirt“ bei Google ein, so wird man mit 20 Seiten Sexseiten belohnt, die so gar nichts mit T-Shirts zu tun haben, außer ihrem Nichtvorhandensein. Dadurch, dass Second Life für viele immer noch unerforschtes Land ist (meiner Meinung nach war hier der Vergleich der Autoren mit dem wilden Westen sehr nett gewählt), sieht man zuerst die negativen Eindrücke. Unter "mehr..." könnt ihr weiter lesen!

Doch dass es in Lateinamerika Programme für Kinder und Jugendliche mit Autismus gibt, die eben genau vor solche Welten gesetzt werden, um ihre sozialen Fähigkeiten zu stärken, wird nicht gesehen. Ich will nicht alles gutheißen was innerhalb von Second Life geschieht, doch trifft es zu, daß diese Welt sehr viel Positives enthält. Hier setzt sich eine Gruppe von Leuten zusammen und organisiert eine Wohltätigkeitsveranstaltung, deren Erlös in US-$ umgewandelt wird, um so die Hilfsorganisation Oxfam zu unterstützen. Ebenso gibt es erste Ansätze für Treffen von Forschern und Entwicklern aus der ganzen Welt, um ihre Ideen besser gemeinsam zu nutzen. Die Maskerade, die hier beschrieben wird, will ich nicht bestreiten - doch ist es nicht genau diese Maskerade, die uns die Möglichkeit gibt, etwas zu tun, was wir uns vielleicht aus Schüchternheit nie trauen würden? Auf der Erde leben laut neuesten Zahlen über 8 Milliarden Menschen, ganz schön viel, um da mal aufzufallen. Dazu muss einem schon ein Geniestreich gelingen. Unsere Welt gibt jedem die Möglichkeit, auch etwas Besonderes zu sein - ob es nun die großbusige Blondine ist, die ihren eigenen Klamottenladen führt, oder der Fuchsavatar, der ganze Inseln erstellen kann. Der Vergleich von Philip Rosedale mit Gott ist doch auch etwas arg weit hergeholt.

Nun, er war der Begründer von Second Life, doch diese Welt haben wir erweitert und geprägt. Wenn man das aus diesem Blickwinkel sieht, ist jeder von uns ein Gott. Bei circa zwei Millionen Usern sind das sehr viele Götter, doch es gibt gut wie schlecht Gesinnte. Der Mensch hat die Wahl zwischen Gut und Böse, und dass es nicht nur „Gute“ gibt, ist uns allen klar, doch dass diese zum Vorbild aller gemacht werden, ist unfair. Was ist mit den Menschen, die sich hier treffen und Gespräche über Kunst und Politik führen auf einer Ebene, wie es den meisten von uns im richtigen Leben verwehrt ist? Wo habe ich sonst die Möglichkeit, mit einem Amerikaner direkt über das Für und Wider einer Bush-Regierung zu sprechen, während ein Russe daneben seine Meinung kundtut?

Wir pochen alle auf unsere Grundrechte der Redefreiheit; was ist so schlimm daran, dass wir das in einer virtuellen Welt umsetzen? Bits und Bytes, so sieht uns das „richtige“ Leben, doch was ist hier der Unterschied „außer“ dem pochenden Blut in den Adern? In Second Life sind es auch richtige Menschen, die hinter ihren PCs sitzen und ihre Meinung preisgeben. Nun denn, nachdem man sich lachend diese 12 Seiten durchgelesen hat und so überhaupt nicht das Problem der Reporter versteht, außer dass sie es nicht geschafft haben, einen gut bezahlten Job zu bekommen, um sich neue Schuhe zu leisten, kann man den Artikel getrost zur Seite legen und sich wieder seinem zweiten Leben zuwenden. Wir wissen doch eh alle, dass nicht alles, was geschrieben steht, immer der Wahrheit entsprechen muss.
27.2.07 08:26
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
© 2007 Free Template by www.temblo.com. All rights reserved.
Design by Marco Köppling. Host by myblog